Ein Einblick in die Digitektur
Vor etwa zehn Jahren fiel mir etwas auf. Organisationen investierten intensiv in ihre digitalen Strategien. Websites wurden erneuert, Apps entwickelt und digitale Dienstleistungen ausgebaut. Doch sobald dieselben Organisationen ein neues Gebäude entwickelten oder einen bestehenden Standort umbauten, schien diese digitale Ambition plötzlich in den Hintergrund zu rücken.
Während des Entwurfsprozesses wurde ausführlich über Architektur, Innenraumgestaltung, Wegeführung, Nachhaltigkeit und Funktionalität gesprochen. Alles wichtige Bestandteile eines guten Entwurfs. Doch eine Frage blieb auffallend oft unbeantwortet:
„Wie kann die digitale Ebene zu einem besseren Erlebnis für Besucher*innen beitragen?“*
Diese Beobachtung war der Ausgangspunkt für das, was ich später Digitektur genannt habe: die (frühzeitige) Integration digitaler Anwendungen in die Gestaltung von Gebäuden, Räumen und Gebieten. Dabei ist die digitale Ebene ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Besuchserlebnisses.
Es ist wichtig, zunächst die Ambition, das „Warum“, eines Projekts zu verstehen, um anschließend passende Lösungen entwickeln zu können. Welche Rolle möchte eine Organisation übernehmen? Was soll ein öffentlicher Ort für die Menschen bedeuten, die ihn besuchen? Eine Bibliothek möchte beispielsweise das Lesen fördern, Wissen zugänglich machen und Begegnung ermöglichen. Ein Museum möchte Geschichten erzählen. Ein Rathaus möchte Bürger*innen gastfreundlich empfangen und sie an die richtigen Dienstleistungen weiterleiten.
Ausgehend von dieser Ambition nimmt auch die Digitektur Gestalt an. Manchmal hilft die digitale Ebene Besucher*innen dabei, sich zurechtzufinden, beispielsweise durch eine persönliche Wegeführung oder mehrsprachige Informationen. In anderen Fällen bereichert sie das Besuchserlebnis durch interaktive Geschichten oder persönliche Empfehlungen. Digitektur kann auch Mitarbeiter*innen durch Reservierungssysteme und digitale Informationsangebote unterstützen.
Architektur und Innenraumgestaltung geben der physischen Umgebung ihre Form. Digitektur ergänzt sie um eine digitale Dimension, die Besucher*innen unterstützt, informiert, überrascht und verbindet.

Digitektur-Pozess: Je früher desto besser
Digitektur sollte bereits ab der ersten Entwurfsphase Teil eines Projekts sein und nicht erst dann berücksichtigt werden, wenn das Gebäude fast fertiggestellt ist. Dennoch rückt die digitale Ebene häufig erst dann in den Fokus, wenn mit der Einrichtung begonnen wird und Fragen zu Bildschirmen, Stromversorgung, Anschlüssen oder digitaler Unterstützung für Besucher*innen aufkommen. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Entwurfsentscheidungen bereits getroffen, wodurch Lösungen teurer, weniger flexibel und schwieriger zu integrieren sind.
Wenn bereits früh über die gewünschten digitalen Anwendungen nachgedacht wird, können diese bei baulichen Entscheidungen sowie bei Infrastruktur, Verkabelung, Stromversorgung und Innenraumgestaltung berücksichtigt werden. Dadurch lassen sich unnötige Anpassungen während der Bauphase vermeiden. Häufig führt dies zu niedrigeren Realisierungskosten, weniger kostspieligen Fehlern und einem effizienteren Bauprozess.
Der Digitektur-Prozess wird oft übersehen, unterschätzt oder zu spät einbezogen. Drei Fragen, die sich Unternehmen daher frühzeitig stellen sollten, sind:
- Wie können digitale Lösungen unsere Organisation dabei unterstützen, ihre Ziele besser zu erreichen?
- Wie können digitale Lösungen die Erfahrung unserer Mitarbeiter*innen verbessern?
- Wie können digitale Lösungen in unserem Gebäude das Erlebnis unserer Besucher*innen verbessern?
Wenn anschließend klar ist, welche digitalen Anwendungen benötigt werden, kann bestimmt werden, welche Technologie dafür am besten geeignet ist. Dabei spielen Zuverlässigkeit, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Verwaltung und die Anbindung an die bestehende IT-Infrastruktur eine wichtige Rolle.
Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Architekt*innen, Innenarchitekt*innen, Auftraggeber*innen, IT-Spezialist*innen und Nutzer*innen. Gerade wenn diese Disziplinen von Anfang an zusammenarbeiten, entstehen Lösungen, die nicht nur technisch gut funktionieren, sondern auch die Qualität des Ortes stärken.

Digitektur in der Praxis
So war es auch in Den Helder in den Niederlanden, wo ich gemeinsam mit includi, das als Berater beteiligt war, an der neuen Unterbringung der Bibliothek arbeitete. Die Wünsche der Bibliotheksorganisation wurden von Mars Interieurarchitecten in Zusammenarbeit mit Van Veen Architecten in einen Innenraumentwurf übersetzt, der die Bibliothek in ein öffentliches Wohnzimmer verwandelte.
Von Anfang an wurde dabei auch das digitale Erlebnis als vollwertiger Bestandteil des Entwurfs berücksichtigt. Dadurch fügen sich digitale Anwendungen nahtlos in die Art und Weise ein, wie Besucher*innen und Mitarbeiter*innen die Bibliothek erleben. Verschiedene digitale Mittel tragen dazu bei, die Strategie der Bibliothek umzusetzen. So sorgt eine elektrische Klaviertreppe für ein interaktives Erlebnis im Kinderbereich, ein sorgfältig integrierter Bildschirm visualisiert die nachhaltigen Energieströme und ein benutzerfreundliches audiovisuelles System verwandelt einen gewöhnlichen Raum in ein besonderes Theater.
Durch die Anwendung des Digitektur-Prozesses wurde bereits früh über den Einsatz von Technologie nachgedacht. Dies sorgte für einen deutlich höheren Mehrwert: Während der Bauphase konnten Kosten eingespart werden und nach der Fertigstellung wurde die Nutzung direkt angenommen.
Das Ergebnis ist eine Bibliothek, in der digitale Angebote selbstverständlich mit der Innenraumgestaltung verwoben und dadurch intuitiv, zugänglich und inklusiv für alle Nutzer*innen sind.
So stärkt die digitale Ebene sowohl die Dienstleistungen als auch die soziale Funktion der Bibliothek. Während die Architektur die physische Umgebung gestaltet, prägt die Digitektur die Art und Weise, wie Menschen diese Umgebung erleben, verstehen und nutzen.
Fotografie School 7, Den Helder: Ruben van Vliet
Über Alex Talsma
Alex Talsma führte vor mehr als zehn Jahren den Begriff Digitecturer® ein, der inzwischen als Marke eingetragen ist. Auf Grundlage dieser Vision berät er Organisationen bei der Integration der physischen und digitalen Ebene in Gebäuden, Räumen und öffentlichen Orten.
Im Rahmen der includi Academy leitet Alex den Workshop „Entdecken Sie, wie physische und digitale Welten zusammenkommen“. Darin zeigt er, wie digitale Anwendungen bereits ab den ersten Entwurfsschritten zu zukunftsfähigen öffentlichen Orten beitragen können.
Entdecken Sie unsere inklusiven Orte
