Warum physische Begegnungsorte im Zeitalter der KI immer wichtiger werden
Der viel diskutierte Rechtsstreit zwischen Elon Musk und OpenAI-Chef Sam Altman erschien auf den ersten Blick wie ein Zusammenprall zweier der mächtigsten Persönlichkeiten der Technologiebranche. Musk argumentierte, OpenAI habe seine ursprüngliche Mission aufgegeben: die Entwicklung künstlicher Intelligenz im Dienst der Menschheit. OpenAI hielt dagegen, dass die strategische Neuausrichtung notwendig gewesen sei, um die enormen Kosten der KI-Entwicklung tragen zu können. Im Mai 2026 wurde Musk jedoch von einer US-Jury zurückgewiesen: Seine Klage war zu spät eingereicht worden.¹
Für den Journalisten David Streitfeld von der New York Times berührt dieser Fall eine grundlegendere Frage: Was geschieht mit Idealen, sobald Innovation Größe, Macht und wirtschaftlichen Wert erreicht?² Viele Technologieinitiativen beginnen schließlich mit einem Versprechen: Wissen zugänglich zu machen, Menschen zu verbinden oder gesellschaftlichen Fortschritt zu beschleunigen. OpenAI bildete dabei keine Ausnahme. Als Non-Profit-Organisation gegründet, mit dem Ziel, künstliche Intelligenz „zum Wohle der Menschheit“ zu entwickeln, entwickelte sich das Unternehmen zu einem der einflussreichsten Technologieunternehmen der Welt.

Der Preis des Fortschritts
Diese Frage wird umso relevanter, je sichtbarer auch die gesellschaftlichen Kosten werden. Digitale Systeme wirken oft schwerelos, benötigen jedoch eine sehr physische Infrastruktur: Rechenzentren, Energie, Wasser, Rohstoffe und Raum.³
Der Preis ist jedoch nicht nur ökologischer Natur. In dem Dokudrama von Netflix The Social Dilemma wurde deutlich, wie soziale Medien – einst als Mittel präsentiert, Menschen näher zusammenzubringen – zu Systemen wurden, die unsere Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und unser Verhalten beeinflussen.⁴ Psychologen wie Jean Twenge und Jonathan Haidt beschreiben, wie digitale Umgebungen mit psychischer Verletzlichkeit, Ängsten und sozialer Unsicherheit bei jungen Menschen zusammenhängen.⁵
Ihre Analysen unterscheiden sich in Nuancen, weisen jedoch in dieselbe Richtung: Wenn Beziehungen, Identitätsbildung und soziale Bestätigung zunehmend innerhalb digitaler Systeme stattfinden, verändert sich auch die Qualität dieser Beziehungen.
KI verstärkt diese Dynamik und fügt eine neue Dimension hinzu. Während frühere Technologien vor allem beeinflussten, was wir sahen, gewinnen neue Systeme zunehmend Einfluss darauf, wie wir interpretieren, entscheiden und Bedeutung schaffen.
„Wir brauchen Orte, an denen Menschen die Kunst des Miteinanders weiter pflegen können.“
Der tote Winkel
Der größte tote Winkel entsteht möglicherweise genau dann, wenn Technologie selbstverständlich wird. Was einst außergewöhnlich war, wird unbemerkt Teil des Alltags. So fanden soziale Medien ihren Weg in nahezu jeden Bereich unseres Lebens. KI scheint eine ähnliche Entwicklung zu durchlaufen.
Auch außerhalb der Technologiebranche wächst die Aufmerksamkeit. Papst Leo XIV. warnte kürzlich vor den Auswirkungen von KI auf menschliche Würde und Autonomie.⁶ Fast zeitgleich ließ er sich in Castel Gandolfo den neuen elektrischen Ferrari Luce präsentieren – eine Marke, die generative KI für Design, Personalisierung und Kundenerlebnis einsetzt.⁷ Das Paradox ist aufschlussreicher als die Kritik, die es hervorrief.
Die Debatte über KI wird heute vor allem in Begriffen wie Innovation, Risiko und Regulierung geführt. Wichtige Themen, ohne Zweifel. Weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch eine andere Frage: Wo findet menschliche Erfahrung selbst noch statt? Wo begegnen wir einander ohne die Vermittlung von Systemen? Wo üben wir uns in Nuancen, unterschiedlichen Sichtweisen und darin, nicht sofort alles wissen zu müssen?
„Menschlichkeit zeigt sich in Gesprächen, die nicht von Algorithmen gefiltert oder sortiert werden.“
Dritte Orte als Anker unserer Menschlichkeit
Hier kommt die Rolle der sogenannten Dritten Orte ins Spiel. Bibliotheken, Kulturhäuser, Nachbarschaftszentren, Parks und Plätze sind längst mehr als öffentliche Einrichtungen. In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft geben uns Dritte Orte halt. Sie werden zu Orten, an denen menschliche Erfahrungen, öffentliche Werte und gesellschaftlicher Zusammenhalt einen konkreten Platz finden. Sie werden zu Ankern der Menschlichkeit.
Menschlichkeit offenbart sich dort, wo Menschen einander physisch begegnen können: in Körpersprache, aber auch in Stille. In Gesprächen, die nicht von Algorithmen gefiltert oder sortiert werden. In unerwarteten Begegnungen mit Menschen außerhalb der eigenen Blase. Solche Erfahrungen lassen sich nur schwer digitalisieren. Und gerade weil Technologie immer besser darin wird, menschliche Interaktion zu simulieren, wächst die gesellschaftliche Bedeutung echter Begegnungen.
Die Frage lautet längst nicht mehr, ob wir solche Orte brauchen, sondern wie bewusst wir sie als Räume einsetzen, in denen Menschen weiterhin die Kunst des Miteinanders pflegen können. Orte, an denen Gespräche darüber entstehen, was KI für unser tägliches Leben bedeutet, wem sie dient und welche Werte darin verflochten sind. Orte, an denen unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können. Das erfordert auch ein Umdenken bei ihrer Gestaltung: weniger auf Durchfluss, mehr auf Aufenthalt und Gespräch. Weniger auf Kontrolle, mehr auf Offenheit.

Die Rückeroberung der sozialen Infrastruktur
Technologie wird sich weiterentwickeln. Die Aufgabe besteht nicht darin, diese Entwicklung aufzuhalten, sondern unsere soziale Infrastruktur nicht unbemerkt aus der Hand zu geben. Diese Verantwortung muss aktiv übernommen werden: in Gemeinschaften, in öffentlichen Räumen und in den alltäglichen Gesprächen, die bestimmen, wie wir zusammenleben.
Es ist an der Zeit, dass jede Gemeinschaft, die sich selbst ernst nimmt, aktiv in Dritte Orte investiert. Denn wenn sie es nicht tut – wer dann?
Dies ist öffentlicher Raum und damit eine öffentliche Aufgabe. Fordern wir unsere Entscheidungsträger dazu auf, dies aktiv voranzutreiben: indem sie bei der Stadtentwicklung soziale Infrastruktur höher gewichten als physische Infrastruktur. Indem sie intelligente Zusammenschlüsse öffentlicher Einrichtungen fördern, sodass kommunale, Bildungs- und Kulturangebote niedrigschwellig und einladend unter einem Dach zugänglich werden. Indem sie Nachbarschaftszentren nicht kaputtsparen, sondern stärken. Indem sie gemeinschaftliche Initiativen aktiv unterstützen, anstatt sie in Bürokratie und Förderrunden versanden zu lassen.
Quellen
¹ Musk versus OpenAI
The Guardian, Sam Altman wins legal battle with Elon Musk over OpenAI, Mai 2026
https://www.theguardian.com/technology/2026/may/18/sam-altman-trial-victory-elon-musk-openai
² David Streitfeld
David Streitfeld, Et Tu, Brute? What Elon Musk’s Clash With Sam Altman Is Really About, The New York Times, 28. April 2026
https://www.nytimes.com/2026/04/28/technology/elon-musk-sam-altman-trial.html
³ Ökologische Auswirkungen von Rechenzentren
Nature Forward, Data Centers and Water Use
https://natureforward.org/data-centers-and-water-use/
Nature, Forschung zum Wasserverbrauch von Rechenzentren
https://www.nature.com
⁴ Soziale Medien und Verhaltensbeeinflussung
The Social Dilemma (Netflix / Exposure Labs, 2020)
⁵ Soziale Medien und psychische Gesundheit
Jonathan Haidt, The Anxious Generation
https://www.anxiousgeneration.com
Jonathan Haidt – Forschung und Publikationen
https://jonathanhaidt.com
Jean Twenge – Forschung und Publikationen
https://www.jeantwenge.com
⁶ Papst Leo XIV. und KI
Vatican News, Magnifica Humanitas
https://www.vaticannews.va/en/pope/news/2026-05/pope-leo-xiv-encyclical-magnifica-humanitas-ai.html
⁷ Papst Leo XIV. und Ferrari Luce
BBC News, Pope Leo XIV presented with Ferrari Luce in Castel Gandolfo, Mai 2026
https://www.bbc.com/news/videos/c8d826nve86o
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